Timo Leibig erzählt

Short Stories

April 2019

Das Verschwinden

„Und man konnte wirklich draußen spielen?“ Die Frage kam vom fünfjährigen Jan.

Annie nickte den Kindern zu. „Sogar ohne Schutzanzug und Kraller.“

„Ohne Kraller!“, flüsterte Lena ihrer Banknachbarin Carina ehrfürchtig ins Ohr.

Die nickte mit großen Augen und wisperte etwas retour.

Annie reckte den Kopf. „Was flüstert ihr da hinten? Würdet ihr uns bitte an euren Geschichten teilhaben lassen?“

Carina wurde rot. „Entschuldigung, Frau Klinger. Meine Mama sagt, dass Oma immer gesagt hat, dass sie die Stille so vermisst hat.“

Annie spürte einen Stich in der Brust. Die Stille vermisste sie auch. In einem längst vergangenen Leben war sie mit ihren Eltern an den Waldrand gezogen, in beste Lage ohne Stickoxide, wie ihr Vater gern betont hatte, damals vor sechzig Jahren. Durch das Gartentürchen konnte sie direkt in den Wald schlüpfen, einen Mischwald mit finsteren Tannen und freundlichen Buchen. Bald hatte sie eine kleine Lichtung mit einem Findling entdeckt, keine zehn Gehminuten entfernt, ein bezauberndes Fleckchen Erde abseits der Zivilisation. Oft war sie dort auf den Stein geklettert, hatte eine Wolldecke ausgebreitet und den Lauten des Waldes gelauscht. Die beste Zeit war im Frühjahr gewesen, wenn die Sonne nachmittags den Findling in goldenes Licht tauchte und ihr Gesicht wärmte. Dann hatte Annie die Augen geschlossen und getagträumt. Es fiel ihr nie schwer, denn oft war es dort im Wald so still, dass sie ihren eigenen Herzschlag hörte. Manchmal raschelten die Blätter oder Vögel zwitscherten und ab und an erklang sogar der klagende Ruf eines Kauzes.

„Ja, die Stille …“ Annie seufzte. „Kennt ihr diesen Geräusche-Stream im Netz? Da laufen den ganzen Tag über Tonaufzeichnungen von damals: Wellenrauschen, Naturgeräusche oder Waldgeräusche.“

Die Kinder verneinten.

„Dann sollen euch eure Eltern das mal anhören lassen. Wenn ihr ganz dicke Kopfhörer aufsetzt, die alle anderen Geräusche wegschlucken, dann habt ihr ungefähr das Gefühl von damals.“

Annie nutzte den Stream selbst, wenn ihr danach war, und versank dann natürlich am liebsten in den Waldgeräuschen. Dann war sie sofort wieder in ihrem Mischwald von damals, der mit den Vögeln und Käuzen so voller Leben gewesen war.

Leider gab es sowas schon lange nicht mehr. Draußen wucherten nur noch die verkrüppelten, gebeugten Nadelhölzer. Und von Stille konnte seit dem Verschwinden keine Rede mehr sein. Das allgegenwärtige Röhren der Stürme war wie ein Tinnitus, der einen von früh bis spät begleitete.

Eine heftige Sturmbö traf den Schulschutzbunker und schickte ein Zittern durch den Boden. Die schwere Metallkonstruktion ächzte, das Licht flackerte kurz, und irgendwo fand der Wind einen Weg ins Innere und heulte wie ein höhnisches Gespenst. Mittlerweile hatten die Dauerstürme Windgeschwindigkeiten von bis zu fünfhundert Stundenkilometern erreicht. Annie erinnerte sich an einen Orkan während ihrer Kindheit mit gerade einmal zweihundert Stundenkilometern – und damals hatte sie in ihrem Bett gezittert und gedacht, die Welt gehe unter. Immerhin würde die Erde ihre Endrotationsgeschwindigkeit in knapp vier Jahren erreichen und damit den Stürmen mit ihren wahnsinnigen Winden eine physikalische Grenze setzen.

Dafür werden die Tage noch kürzer. Von ehemals vierundzwanzig Stunden pro Tag war man jetzt schon bei neun Komma sieben angelangt. Bald stand wieder eine daytime correction an, und bei acht wäre dann Ende – so behaupteten es zumindest die Politiker und Astrophysiker. Vielleicht hatte das aber auch etwas Gutes: Nahm man die acht Stunden mal drei, hätte man wieder einen Bezug zu den früheren vierundzwanzig Stunden am Tag. Wobei das den meisten Menschen, die erst nach dem Verschwinden geboren worden waren, herzlich egal sein dürfte. Annie Klinger war sechzehn Jahre vorher zur Welt gekommen und eine der letzten Zeitzeuginnen des vergangenen Zeitalters. Deswegen besuchte sie ehrenamtlich Schulen, um ihre Erinnerungen mit nachfolgenden Generationen zu teilen.

„Frau Klinger!“

„Ja, Paul?“

„Stimmt es, dass man nachts sogar Sterne sehen konnte?“

„Natürlich. Bei klarem Himmel konnte man sie bestens erkennen, sogar zählen, wenn man viel Zeit mitbrachte.“ Sie lächelte und vor ihrem innen Auge blitzte das Bild auf, wie sie auf ihrem Findling saß, die Arme um die angezogenen Beine geschlungen und durch die Baumwipfel die Sterne zählte. „Es waren Hunderte, Kinder, Tausende! Am hellsten leuchtete der Polarstern im Kleinen Bär.“

„Den kenn ich!“, rief Jonas aus der letzten Reihe. „Den sehe ich manchmal mit dem Fernglas!“ Sein weiches Gesicht wurde lang. „Aber das ist auch der einzige.“

Annie wusste, wie sich der Junge fühlte. Auch sie vermisste den Anblick. Sie vermisste so vieles. Sie vermisste alles!

Mit trauriger Stimme fuhr sie fort: „Bei uns ging das noch ohne Hilfsmittel, allein mit dem bloßen Auge. Manchmal zogen auch Sternschnuppen über den Himmel. Dann durfte man sich etwas wünschen und das ging dann in Erfüllung.“

Die Kinder machten große Augen. „Haben Sie sich damals auch was gewünscht, Frau Klinger?“, fragte Lena.

„Natürlich.“ Es war in einer kitschig romantischen Sommernacht gewesen, Max und sie zu Füßen ihres Findlings auf der Wolldecke. Das Laub unter ihren Körpern knisterte, wenn sie sich bewegten, und die Wolle kratzte auf ihrer nackten Haut. Später hatten sie im Mondschein gesessen, mit dem blanken Rücken an den Stein gelehnt, hatten aber nicht gefroren, so erhitzt waren sie gewesen. Die Sternschnuppe hatten sie beide gleichzeitig bemerkt.

„Und was haben Sie sich gewünscht?“, hakte Lena nach.

Ein Seufzen. „Ach, Kinder … das ist so lange her.“

„So lange, dass Sie sich nicht mehr daran erinnern?“

„Doch, ich erinnere mich sehr gut, Lena, aber Sternschnuppenwünsche behält man für sich, das müsst ihr euch merken.“

Die Kinder nickten, bis auf Lena. „Und was würden Sie sich heute wünschen? Ich meine, wir sehen ja jetzt keine Sternschnuppen mehr, deswegen können Sie es uns ja verraten, oder?“

Annie lächelte. „Das könnte ich. Also: Heute würde ich mir die kleinen Freuden von früher zurückwünschen. Ein Waldspaziergang an der frischen Luft. Die vorhin erwähnte Stille. Das Sitzen in der Sonne. Ich hatte da so einen Stein im Wald … Oder ein Urlaub am Meer wäre auch mal wieder schön, mit diesem typischen Salzgeruch in der Luft, der nicht aus einer Sole-Verneblungskammer stammt.“

„Waren Sie mal dort?“

„Am Meer? Ja, am Atlantischen Ozean. 2018. Ich machte mit meinen Eltern Urlaub in England.“ Ein halbes Jahr vor der Flut. Die kam ohne Vorwarnung im Jahr darauf. Alle Küstenlinien der Erde wurden von den global waves getroffen. Die Warnsysteme versagten, weil keine Erdbeben den Fluten vorausgingen. Es waren einfach stille, gigantische Wellen. Später erfuhr man, dass sie ausgelöst wurden, weil die durch die Gravitation des Mondes entstandenen Wasserberge plötzlich in sich zusammenbrachen. Sie zerflossen und verteilten sich dem Gesetz der Schwerkraft neu. Entsprechend hart traf es die Küsten an den großen Weltmeeren: am Südpazifik, am Nordatlantik, am Südatlantik, am Indischen und am nördlichen Stillen Ozean. Nord- und Südamerika litten besonders, dicht gefolgt von Afrika, Indien, Australien und Japan. Am glimpflichsten kam Mitteleuropa davon. Das Mittelmeer war einfach zu klein, um ein ausgewachsene global wave zu entwickeln. Die blieb in der Einstufung eines Tsunamis.

Der trotzdem Millionen Menschen das Leben kostete. Selbst sechzig Jahre nach der Flut wurden noch Leute vermisst. Wie Max, der damals in Italien im Urlaub war. Sein Verschwinden war wie das Hunderttausender nicht aufgeklärt und würde es auch nicht mehr werden. Zu verheerend waren die entfesselten Kräfte der Natur gewesen, und der Mensch so machtlos, schwach und winzig.

Aber wer hätte auch ahnen können, dass das Verschwinden einer Alltäglichkeit solche Auswirkungen haben würde? Durch das Auseinanderfließen der Wasserberge verschob sich die Masse der Ozeane näher an die Rotationsachse der Erde, in dessen Folge es zu einer Verringerung deren Trägheitsmoments kam. Da der Gesamtdrehimpuls der Erde erhalten blieb, erhöhte sich die Geschwindigkeit. Damals hatte ein Physiker im Fernsehen das mit einer Eiskunstläuferin beim Pirouettendrehen verglichen. Wenn sie die Arme ausstreckte, drehte sie sich langsamer. Zog sie sie an den Körper, wurde sie schneller. Dasselbe geschah mit der Erde. Und durch die höhere Rotation entstanden die Stürme, und mit den Stürmen veränderte sich Flora und Fauna, und …

„Frau Klinger!“

Pauls Stimme holte sie zurück in den eingeschossigen Schulschutzbunker, der sich als flache Kuppel gegen die Stürme stemmte. „Ja?“

„Geht es Ihnen gut?“

„Ich denke schon.“

„Warum zupfen Sie dann an Ihrem Hals herum?“

„Tu ich das?“ Annie senkte den Blick. Tatsächlich ruhten ihre von Arthrose knubbeligen Finger zwischen den Falten ihrer Bluse und drückten fest den kreisförmigen Kettenanhänger aus Sterlingsilber. Krater und Gebirge waren detailgetreu eingraviert, sodass er exakt so aussah wie der Mond, der vor sechzig Jahren einfach über Nacht verschwunden war.