Timo Leibig erzählt

Short Stories

November 2021

Bacteria

In der Luftschleuse schrie sich Karen Donnelly die Seele aus dem Leib, doch Commander Eric Swenson hörte sie nicht. Durch die vierfach verglaste Scheibe des schmalen Fensters sah er nur die Bewegung ihrer Lippen. Er verstand sie trotzdem. Nein!, schrie sie. Tu das nicht, Eric! Bitte! Bei Gott!

Bei Gott. Eric bekreuzigte sich und legte die verschwitzte Stirn auf den kühlen Rahmen der Schleuse. Direkt vor ihm lag das Bedienfeld für den Airlock. Er hatte es herausgerissen. Ein Wust bunter Kabel quoll ihm entgegen. Die Datenleitung zum inneren Bedienfeld hatte er gekappt und überbrückt: Er brauchte nur den Hebel niederdrücken, und Karen würde ins All gesaugt werden. Das Vakuum würde schlagartig alle Luft aus ihren Lungen ziehen und das empfindliche Gewebe zerreißen. Anstatt Sauerstoff ins Blut zu transportieren, würden die Lungenbläschen ihn wieder abgeben. Karen wäre innerhalb weniger Sekunden bewusstlos und nach ein oder zwei Minuten tot – vorausgesetzt, er würde den Hebel niederdrücken.

Karen schrie immer noch. Mit der Faust pochte sie gegen die Scheibe. Ihr dunkles Haar hing ihr ins Gesicht. Auf ihrer Brust zeichnete sich ein Schmetterling aus Schweiß ab.

Eric hielt ihren Anblick nicht mehr aus. Er wandte sich dem Seitenfenster neben der Luftschleuse zu. Grell und weiß, durchzogen von einigen Sprenkeln Gelb, leuchtete die Venus unter ihnen. Die dichte Wolkendecke zog kilometerlange Schlieren. Neunmal hatten Eric und sein Team die Wolken der Venus im Rahmen des Forschungsprogramms HAVOC III besucht, bestaunt und untersucht. Die Wolkengebilde, tagsüber getaucht in grellen Sonnenschein, waren ein einziger Traum, viel schöner als die Wolkendecke der Erde.

Noch spektakulärer waren die Forschungsergebnisse, die Karen aus Gasproben der Wolken gewonnen hatten.

Karen Donnelly war Professorin für Klinische und Experimentelle Ernährungsmedizin in New York gewesen, bevor die NASA sie für die HAVOC-Mission abgeworben hatte. Die Chance, ins All zu fliegen, hatte Karen nicht ausschlagen können, auch wenn es sie die Professur gekostet hatte – und womöglich den Nobelpreis für ihre Forschung mit Darmbakterien. Aber was bedeutete schon ein Job oder eine Auszeichnung, wenn man leibhaftig die Venus besuchen konnte?

Und wie schwer wog ein Mord, wenn man damit die ganze Welt retten konnte?

Eric stöhnte und schlug selbst gegen die Luftschleuse. Die Finger der anderen Hand packten den Griff, ließen ihn wieder los, wanderten an seinen Hals und zerrten die Silberkette hervor. Die Finger schlossen sich um das kleine Kreuz mit dem Abbild von Jesus Christus. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Eric keine Ahnung, was er tun sollte.

Angefangen hatte der Wahnsinn vor fast zwanzig Jahren, als britische Forscher Monophosphan in der Atmosphäre der Venus vermutet hatten, eine Verbindung aus Phosphor und Wasserstoff, die auf der Erde vor allem durch Bakterien produziert wurde. Sie fragten sich, ob es biologische Quellen auf der Venus gäbe.

Verschiedene Sonden wurden zur Venus geschickt und Monophosphan tatsächlich nachgewiesen, sogar in größeren Mengen als erwartet. Es musste Bakterien in der Atmosphäre geben, jede Menge Bakterien.

Karen hatte sie nachgewiesen und Bacteria venus getauft. Karen hatte sie auch diversen Untersuchungen und Experimenten unterzogen. Eric verstand von den Details recht wenig, Gott, ich bin Commander, kein Wissenschaftler!, aber er hatte verstanden, was Karen herausgefunden hatte. „Es ist die Schlüsselstelle!“, hatte sie ihm aufgeregt erklärt. „Damit können wir das ganze System beeinflussen!“

Das ganze System.

Das System Leben.

Eric hielt das Kreuz fest. Der silberne Querbalken und Jesu Kopf stachen ihm in die Hand; der Schmerz verhinderte, dass er wahnsinnig wurde, er, Eric Swenson, in dessen Händen die Zukunft der Menschheit lag.

„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“, rezitierte er mit zitternder Stimme. „Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.“

Gerechtigkeit … war es gerecht, Karen für ihre Forschung zu ermorden?

„Gott!“, schrie er. „Verdammt! Wenn du wirklich existierst, dann hilf mir jetzt!“

Niemand half ihm. Keine dröhnende Stimme erfüllte seinen Kopf und auch kein Dornbusch ging in Flammen auf. Eric musste allein seine Entscheidung treffen.

Eigentlich sah er sich als hochrationalen Menschen. Mathematisch logisches Denken galt als Grundvoraussetzung für den Beruf als Astronaut. Eric führte generell Pro- und Kontralisten, wenn er eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen hatte. Auf seiner aktuellen Liste standen aber nur zwei Dinge: Gott und Mensch. Und er hatte keine Ahnung, in welche Spalte er sie eintragen sollte.

Karen hatte die Bacteria venus Killifischen verabreicht. Die Fischchen waren der beliebteste Modellorganismus der Altersforschung. Sie wurden normalerweise sechzehn Wochen alt, Forscher des Max-Planck-Instituts hatten aber ihr Leben um bis zu vierzig Prozent verlängert, indem sie die Darmbakterien alter Fische durch Darmbakterien junger Fische ausgetauscht hatten. Ein wenig Scheiße transplantieren und schon hieß es wieder: happy life.

„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir. Hörst du, Gott! Bei mir! Bist du da?“

Wieder erhielt er keine Antwort, nur das Pochen von Karens Fäusten gegen die Schleuse war zu hören. Blut klebte mittlerweile auf der Innenseite der Scheibe. Es leuchtete karmesinrot im grellen Licht der Venus. Ob Karen in den Sekunden vor ihrer Ohnmacht noch einmal die Schönheit der Venus erblicken würde? Das wunderbare Werk Gottes?

Karens Killifische waren mittlerweile zweiunddreißig Wochen alt und allesamt jugendlich agil, ganz ohne Scheißetransplantation.

Konnte man sich den Platz bei Gott wie das Weltall vorstellen? Mit einem prächtigen Blick durch die Galaxien? Eric hatte sich das oft gefragt, als er sich bei der NASA beworben hatte. Der christlichen Lehre nach folgte auf den Tod auf Erden das ewige Leben bei Gott. Und nur bei Gott herrschte Friede. Bei Gott gab es keine Sorgen. Bei Gott sahen sich eines Tages alle Menschen wieder. Nur, wie sah das aus? Wie lief das ab? Saßen sie alle wie beim letzten Abendmahl um einen riesigen, runden Tisch und brachen Brot und tranken Wein?

Eric stellte es sich eher wie einen Gefühlszustand puren Glücks vor. Allerdings würde er den niemals erreichen, wenn er diesen verdammten Hebel drückte. Mörder kamen in die Hölle. Es war der endgültige Ausschluss aus der Gemeinschaft Gottes.

Ein Wimmern erfüllte das Dock, und Eric registrierte erst Sekunden später, dass es aus seinem Mund kam. Sollte er bis ans Ende aller Tage in der Hölle schmoren, damit alle anderen bei Gott glückselig leben konnten, oder sollte er allein bei Gott glückselig leben, während der Rest ewiglich auf Erden verrottete?

„Wir werden uns wiedersehen“, hatte ihm seine Mutter auf dem Sterbebett versichert, die kalte, knochige Hand in seinen warmen, schwieligen Fingern, und Eric hatte fleißig genickt.

Ob Gott den Menschen zürnen würde, wenn sie nicht mehr zu ihm kamen? Oder freute er sich sogar, dass er nicht mehr für all die Milliarden Menschen den Seelsorger spielen musste? Keine Gebete mehr, dass Gott die davongelaufene Ehefrau zurückbringen würde. Keine Gebete mehr, dass der Kontostand sich über Nacht auf wundersame Weise erhöhen möge. Kein Bitten mehr um Geschenke, die sich die Kinder wünschten: Playstations, Welpen, Barbies, Experimentierbaukästen. Wenn sich Eric allein die Summe aller täglichen, weltweiten Gebete vorstellte, musste Gott eigentlich längst einen Burnout haben. Vielleicht antwortete er auch deswegen nicht. Vielleicht wollte er sogar, dass Karen Donnelly diese verdammten Bakterien zur Erde brachte.

In seiner Vorstellung sah Eric, wie Milliarden Menschen täglich aus einer Blister-Packung eine Kapsel drückten und vor dem Frühstück mit Leitungswasser schluckten. Zwanzig Milliarden koloniebildende Einheiten, mitgebracht von der Venus.

Es würde Krieg geben, da war sich Eric sicher. Krieg, wer das Geschenk der Venus als Erstes bekam. Krieg zwischen Arm und Reich. Danach Krieg um Ressourcen, wenn niemand mehr altersbedingt starb. Irgendwann Krieg um Wohnraum. Krieg um Sand. Krieg um Wasser und Sauerstoff. Waren ein paar Bakterien vom Morgenstern der Todesstoß für die Erde?

Eric hob mit einem Ruck den Kopf. Die Venus, auch genannt der Morgenstern, galt als Symbol für den herannahenden Gottessohn. Und gleichzeitig auch für Luzifer, den gefallenen Engel, wenn man dem Propheten Jesaja glauben wollte.

Gut und Böse vereint?

Anfang und Ende vereint?

Alpha und Omega?

War die Venus das Reich Gottes? Die Wolken sein goldenes Himmelreich?

Eric schluckte. Sie hätten nie hierherkommen dürfen. Nie den Mond betreten dürfen. Sie hätten allesamt brav auf der Erde bleiben und sich an den wunderbaren Jahren erfreuen sollen, die Gott ihnen schenkte.

Tränen verschleierten seinen Blick, als er den Hebel fokussierte. Niederdrücken oder nicht? Töten oder leben lassen?
Seine Finger umfassten das kühle Metall. Die Kanten waren abgerundet, damit sie die Raumanzüge beim Vorbeistreifen nicht beschädigten. Es brauchte nur einen kleinen Ruck …

Karen hatte aufgehört, gegen die Scheibe zu donnern. Sie saß im Schneidersitz hinter der Schleuse, hatte die Augen geschlossen und die blutigen Hände im Schoß gefaltet. Die Verzweiflung war von ihrem Gesicht gewichen, es sah so aus, als hätte sie ihren Frieden gefunden.

Für einen Moment glaubte Eric, angesichts dieser friedvollen Frau könnte er den Hebel niederdrücken, doch er tat es nicht. Stattdessen sank er in sich zusammen und glitt selbst an der Schleuse entlang entkräftet zu Boden.
Sein Blick wanderte wieder durch die Scheibe des Docks hinaus zur Venus. Die wurde kleiner und kleiner, der Großteil des Fensters war mit Schwärze gefüllt.

Darin spiegelte sich schemenhaft sein Gesicht. Furchtbar sah Eric aus, wie ein wahnsinniger Serienmörder. Einzig das silberne Jesus-Kreuz um seinen Hals blitzte hell und klar im Licht der Venus.

Das ließ Eric eine Entscheidung treffen. Er würde Karen Donnelly nicht durch die Schleuse ins All jagen. Er würde kein Mörder werden. Wenn allein die Vorstellung ihn an den Rand des Wahnsinns trieb, würde er an einem Mord zerbrechen. Sollte die Menschheit selbst entscheiden, ob sie das Mitbringsel nutzen oder vernichten wollte. Ob sie ewig leben wollte oder nicht. Es war nicht seine Entscheidung.

Nein. Eric Swenson war weder der Heilsbringer noch ein Massenmörder. Er war nur Commander – und ein guter Christ.

Erleichtert darüber, dass endlich die Entscheidung gefallen war, rappelte er sich auf. Dabei suchte er Halt, fand den Griff der Schleuse und zog ihn nieder.

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