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Keine Kompromisse – das Erfolgsrezept?

09. September 2020

Keine Kompromisse – das Erfolgsrezept?

„Ich mache keine Kompromisse.“ (1) Ein Lieblingssatz von Karl Lagerfeld, der mich nachhaltig beeindruckt. Genauso wie: „Ich diskutiere nicht. Ich habe vorher schon gedacht.“ (2) Klingt herablassend, aber so war Lagerfelds Einstellung. Und vielleicht sein Erfolgsrezept? Was er gestaltete, musste exakt so umgesetzt werden, wie es in seiner Vorstellung entstanden war, oder es kam in den Müll. Und zweifellos zählte Lagerfeld zu den erfolgreichsten Kreativen der Modebranche. Seine Schaffenskraft war enorm, seine Kreativität schier unerschöpflich.

Denken wir an einen weiteren Ultrakreativen: Steve Jobs. Prototyp eines Visionärs. Mit seinen Apple-Produkten prägte er unser Leben in den letzten Jahrzehnten. Und Jobs war wie Lagerfeld kein Mann für Kompromisse. Er war besessen von Perfektion. In seinem Wohnzimmer in Woodside gab es nur vier Objekte: eine Tiffany-Leuchte, einen Plattenspieler und zwei Stereoboxen, und zwar deshalb, weil andere Einrichtungsgegenstände einfach nicht perfekt waren. (4) Geschichten dieser Art gibt es viele über Jobs. Er war zu einhundert Prozent konsequent, zu einhundert Prozent auf Perfektion getrimmt. Und verdammt erfolgreich.

Erinnern wir uns an die Rockstimme schlechthin: Freddie Mercury. Ich sah Bohemian Rhapsody im Kino und stolperte wieder über einen außergewöhnlich Kreativen mit einer auffallenden Eigenschaft. Zu Brian May sagte er: „Nein, mein Lieber, wir machen keine Kompromisse.“ Und so erschuf er seine Musik wie Steve Jobs später das iPhone: kompromisslos nach seiner Vorstellung.

Ein letztes Beispiel: René Redzepi, Küchenchef des Restaurants Noma in Kopenhagen. Das Noma wurde unter seiner Leitung viermal zum weltbesten Restaurant gewählt. Im Dokumentarfilm Noma – Ein Blick hinter die Kulissen des besten Restaurants der Welt erlebt man einen vor Ideen sprühenden und ultrakreativen René Redzepi. Und einen völlig kompromisslosen. Wenn ein Gericht nicht exakt seine Vorstellung entsprach, kam es in die Tonne, und es wurde neu angefangen, so lange, bis es seine Idee verkörperte.

Ist Kompromisslosigkeit also der Schlüssel zum Erfolg bei kreativen Tätigkeiten?

Was ist überhaupt ein Kompromiss? Laut Duden eine Übereinkunft durch gegenseitige Zugeständnisse. Laut Wikipedia die Lösung eines Konflikts durch gegenseitige freiwillige Übereinkünfte. Aus den Definitionen ergibt sich, dass jegliches unter einem Kompromiss entstandene Werk in irgendeiner Weise ein Zugeständnis beinhaltet. Dabei entsteht also ein Mittelding. Am besten sieht man das in der Politik, denn Demokratie lebt vom Kompromiss – häufig nicht mit den besten Ergebnissen. Nehmen wir exemplarisch das Klimapaket. Es ist sicherlich ein Schritt zu mehr Klimaschutz, aber die von den Fachleuten als nötig erachteten Änderungen erfüllt es bei Weitem nicht.

Ist ein Kompromiss also generell schlecht? Hemmt er im Kreativbereich den Erfolg?

Schwenken wir beim Stichwort Erfolg kurz zu den Supereichen. Mit dem Erfolg der Musks, der Bezos und der Gates haben sich schon viele beschäftigt, bspw. der kostenfreie Podcast von Lars Erichsen (3). Man ist sich einig: Einfach nur Glück hatten die nicht. Nach der Milliardärs-Formel sind fünf Aspekte entscheidend: 1. sich realistische Utopien vorstellen können, 2. Risiken hochinformiert eingehen (Wissen als essenzielle Grundlage), 3. der Logik folgen anstatt dem Bauchgefühl, 4. an Technologie als Lösung für alles glauben und 5. Geduld haben. Kompromisslosigkeit wird nicht aufgeführt, aber man stolpert in so vielen Biografien erfolgreicher Kreativer darüber, dass es kein Zufall sein kann.

So lautet der Werbeslogan von Tesla: „Keine Emissionen. Keine Kompromisse.“ Und Jeff Bezos schrieb in seinem ersten Brief an die Amazon-Aktionäre 1997 über seine Managementphilosophie von „kompromissloser Kundenorientierung“ (5). Amazon ist heute eines der Big Five in den USA, Bezos der reichste Mensch der Welt.

Was hat das alles mit Schreiben zu tun?

Dazu eine Anekdote über den irischen Autor Adrian McKinty. Er schreibt seit fast zwei Jahrzehnten ausgeklügelte Nordirlandkrimis, gewann mit ihnen diverse Preise und wurde in den Kritiken gefeiert, aber genug verdient hat er mit seinen Büchern nicht – obwohl er kompromisslos genau das tat, was ihn begeistert. Er wollte schon die Schriftstellerei an den Nagel hängen, als ihn Shane Salerno anrief. Der Literaturagent formte zuvor schon Don Winslow zum Bestsellerautor und war Fan von McKinty. Salerno überredete ihn, ein Buch zu schreiben, das dem absoluten Mainstream entspricht, perfekt zugeschnitten auf die Zielgruppe – einen „amerikanischen Roman“, wie McKinty im Nachwort schreibt (6). Simpel gestrickt, überzogen, voll auf Emotionen getrimmt. Literarisches Fast Food.

The Chain, der Thriller, der dabei herauskam, landete auf Platz sieben der Bestsellerliste der New York Times. Die Filmrechte wurden angeblich für eine siebenstellige Summe verkauft. Und: Seitdem arbeitet McKinty wieder an seinen Nordirlandkrimis.

Ich sehe also zwei Konzepte, die beide mit Kompromisslosigkeit glänzen und für Autorinnen und Autoren gelten können: Das Lagerfeld-Jobs-Mercury-Konzept, das ich das „Künstlerprinzip“ nenne, in dem die Kreativen allein ihrer Passion folgen. Und das Bezos-Salerno-Konzept, das ich als „Publikumsprinzip“ bezeichnen möchte: Das Produkt wird kompromisslos auf die Kundschaft zugeschnitten, ohne Eigenheiten, glatt und zielgruppensmooth.

Schaue ich mir im Selfpublishing einige erfolgreiche Kolleg*innen an, fällt auf: Die Publikumsorientierten, die exakt für den Markt schreiben, stehen in den Bestsellerlisten bei Amazon ganz oben. Vertreter*innen des Künstlerprinzips sind dort irgendwie nicht vertreten. Zufall?

Ich würde dieser Frage gern nachgehen. Welche Herangehensweise passt besser zu mir? Und kann ich eine kompromisslose Arbeitsweise – sei es künstler- oder publikumsorientiert – überhaupt durchziehen? Arbeite ich mit einem Verlag zusammen, entscheiden Verleger*innen, Lektoren*innen und Vertriebsmitarbeiter*innen mit über das Gesamtprodukt. Ensteht dadurch – wie in der Politik – ein Mischmasch, eine Geschichte mit Abstrichen? Oder profitiere ich von dem gebündelten Fachwissen all dieser Mitentscheidenden und verfasse am Ende ein auf den Markt zugeschnittenes Werk?

Im Selfpublishing gibt es all das nicht, hier habe ich das erste und das letzte Wort, bei allem. Aber bin ich wirklich völlig frei in meinem Schreiben? Unterliege ich nicht auch dem Zwang, marktkonform zu schreiben, gar zu produzieren, wenn ich Geld verdienen will? Von den Marketingberater*innen höre ich ständig: Das Cover muss genauso aussehen wie alle anderen Titel im gleichen Segment. Der Plot sollte so sein wie … same, same, but different. Wirklich? Einheitsbrei? Literarisches Fast Food als Schlüssel zum Erfolg? Ich bin unschlüssig.

Wie schreibt ihr? Als Künstler*innen oder als Dienstleister*innen im Sinne der Lesenden? Kompromisslos, weil ihr genau diese Geschichte erzählen wollt und euch von der Möglichkeit wirtschaftlichen Erfolgs nicht ablenken lassen wollt, oder für den Markt, unabhängig davon, ob ihr überhaupt Lust auf die Geschichte habt, aber am Ende stimmt die Kasse? Oder arbeitet ihr irgendwo dazwischen? Lasst es mich wissen!

Quellen:
(1) https://www.elle.de/das-elle-interview-mit-karl-lagerfeld-108008.html
(2) https://www.youtube.com/watch?v=plHs2kpIk_g
(3) https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9lcmljaHNlbi5wb2RpZ2VlLmlvL2ZlZWQvbXAz/episode/ZjVkODBhZDcxNjkxZjM0MTA0ZGU5YWFjOWI3MzExMzQ?sa=X&ved=2ahUKEwjRrsWZy_fqAhVLwoUKHdSdCCEQkfYCegQIARAF
(4) https://www.ad-magazin.de/article/genie-spleen-steve-stobs
(5) https://www.consulting.de/hintergruende/meinung/einzelansicht/11-punkte-die-managementphilosophie-des-jeff-bezos-amazons-erfolgsgeheimnis/
(6) https://www.spiegel.de/kultur/literatur/the-chain-von-adrian-mckinty-knallt-wie-ein-ac-dc-konzert-rezension-a-1285233.html

Verfasser: Timo Leibig
Fotos: © flow n mary – Studio für Gestaltung

Autor und Designer Timo Leibig

Kreativer Kopf, Autor und Unternehmer. In meinem Blog spreche ich über Themen, die mit erfolgreichem Schreiben und spannender Kreativarbeit zu tun haben.

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