Melde Dich zu meinem monatlichen Newsletter an und erhalte Informationen zu Neuerscheinungen, Lesungen und Fan-Aktionen.

Blogbeitrag von Timo Leibig: Ein unerwarteter Anruf

17. Juni 2020

Ein ungewöhnlicher Anruf von der Polizei

Blaulichter zucken über die regennasse Windschutzscheibe. Leonore Goldmann und Walter Brandner rasen einem Tatverdächtigen durch den Stadtverkehr hinterher, als das Telefonklingeln mich aus der Szene reißt. Ich brumme verärgert, gehe aber gehe ran, denn es könnte wichtig sein; nur wenige Leute kennen meine Festnetznummer.

Der Mann am anderen Ende stellt sich als Kriminalbeamter Thomas Schneider von der lokalen Dienststelle vor. Die ist keinen Kilometer entfernt. Er spricht mich bei vollem Namen und korrekter Anschrift an und sagt: „Bleiben Sie bitte ruhig, Herr Leibig, in Ihrer Gegend ist eine Diebesbande unterwegs. Drei Männer. Bewaffnet.“

Das Gespräch fand tatsächlich so vor einigen Wochen statt.

Während mein Puls sprunghaft steigt und ich reflexartig zum Fenster hinausblicke, fährt der Polizist fort: „Es handelt sich um Banden des organisierten Verbrechens. Die ziehen durch Deutschland und schlagen dann immer in einer Region zu, zuletzt in Ravensburg (ca. 45 Kilometer entfernt), jetzt aktuell leider bei uns. Sie brauchen sich aber keine Sorgen machen, Kollegen sind an dem Fall dran.“

Immerhin, aber besorgt bin ich trotzdem und frage: „Wo genau sind die unterwegs?“

„Zuletzt wurden sie bei Ihnen in der Straße gesehen. Sie sind über die Gärten aus einem Grundstück verschwunden. Eine Augenzeugin hat uns benachrichtigt.“

Ich schlucke und gehe an ein Fenster, das zum Garten hinausgeht. Unsere Straße ist nicht allzu lang. Viele Gärten gibt es nicht zur Auswahl. Steigen die Männer jeden Augenblick bei mir über den Zaun?

Herr Schneider sagt: „Aber bitte, machen Sie keine Dummheit. Bleiben Sie einfach im Haus und wachsam. Dafür informieren wir ja. Für uns wäre auch noch wichtig zu wissen, ob Sie Bargeld zu Hause haben. Die Bande hat es auf Beträge ab zehntausend Euro abgesehen.“

Bargeld. 10.000 Euro. Ich stutze, nehme das Funktelefon vom Ohr und prüfe das Display. Unbekannter Anrufer. „Bargeld?“, frage ich alarmiert. „Wieso wollen Sie das wissen?“

Während Herr Schneider mit professioneller Stimme eine Antwort gibt, logge ich mich am Laptop auf meinen Router ein und prüfe die Anrufliste. Hier wird mir die Nummer von Herrn Schneider angezeigt. Keine lokale Vorwahl. Ich google fix. Rufnummer aus Wiesbaden, nicht vom Bodensee.

Herr Schneider endet mit seiner Erklärung, und ich sage: „Das ist ja gut zu wissen. Können Sie Ihren Namen wiederholen? Nur für Rückfragen. Ich werde gleich die Nachbarn informieren.“

Er nennt mir nochmals seinen Namen und ich notiere ihn. „Und Ihre Personalnummer samt Rückrufnummer wären auch noch gut“, hake ich nach. „Einfach zur Vollständigkeit. Wissen Sie, ich notiere mir immer gern mehr, das riet mir ein Freund von der Polizei. Es gibt so viele dreiste Betrugsmaschen.“

Der Mann stockt und legt auf.

Ich lausche der Stille in der Leitung, sehe in den verlassenen Garten und weiß, dass ich den Betrügern beinahe auf den Leim gegangen wäre. Es war so authentisch. Die Masche hat mich emotional voll erwischt.

Ich rief daraufhin in der hiesigen Polizeidienststelle an und fragte nach. Dort wurde mir die Betrugsmasche bestätigt, aktuell gingen zig Anrufe von Betroffenen aus dem Stadtgebiet ein. Auch bekam ich die Info, dass die Betrüger sogar eine falsche Nummer schalten könnten, zum Beispiel die der lokalen Dienststelle. Krasses Detail. Für mich aber noch spannender: Das Gespräch mit der echten Polizistin verlief völlig anders, klarer, fokussiert, freundlich, unaufgeregt. Und ich bekam eine Rückrufnummer samt Alternativkollege genannt, der den Fall bearbeiten würde, wäre die Polizistin gerade nicht erreichbar.

Da ich bei der Recherche meiner Krimis Wert auf möglichst realistische Ermittlungsarbeit lege (was aufgrund von Spannungsbögen nicht immer funktioniert), entschied ich mich, in der nächsten Zeit mehr über Ermittlungsarbeit zu bloggen. Wie läuft Polizeiarbeit wirklich ab? Wo liegen die Gegensätze zur Fiktion? Und vielleicht hilft das Ganze sogar ein wenig im Kampf gegen das Verbrechen. Ich freue mich, wenn ihr dabei seid.

Zuletzt noch ein paar Tipps, falls ihr einen solchen Anruf erhaltet:

  • Gebt am Telefon keine Details preis wie über weitere im Haushalt lebende Personen, Nachbarn, Wertgegenstände, Einkommen, Bargeld, Urlaub et cetera.
  • Wenn ihr über Telefon/Router die Rufnummer einsehen könnt, notiert diese samt Anrufzeit.
  • Das gilt generell: Wenn euch etwas Komisches auffällt, macht eine kurze Notiz am Handy und bewahrt sie ein paar Wochen auf, bevor ihr sie löscht. Im Fall der Fälle ist die Polizei für jeden noch so kleinen Hinweis dankbar. Oft fehlt es an aufmerksamen Zeugen.
  • Und hört auf euer Bauchgefühl. Seid auf der Hut und passt auf euch auf! Es sind einfach zu viele Betrügerinnen und Betrüger unterwegs.
  •  

Verfasser: Timo Leibig
Fotos: © flow n mary – Studio für Gestaltung
© Racool_studio / Freepik

Autor und Designer Timo Leibig

Kreativer Kopf, Autor und Unternehmer. In meinem neuen Blog spreche ich über Themen, die mit erfolgreichem Schreiben, spannender Kreativarbeit und aufregenden Geschichten zu tun haben.

Austausch zum Thema? Sehr gern!

  • Schlagwörter
    Kriminalroman

  • Ermittlungsarbeit

  • Polizeiarbeit

  • Thriller

  • Goldmann und Brandner

  • Recherche

  • Self Publishing

  • Betrüger

  • Telefonbetrug