SHORT STORIES

Der Weihnachtsmann (Dezember 2017)
Happy Halloween (Oktober 2016)

Der Weihnachtsmann

Maya quiekte, während sie auf den Schneehaufen kletterte. Oben angekommen, setzte sie sich an die Schneekante, stieß einen Freudenschrei aus und schlitterte auf dem Hintern hinunter. Dabei drehte sie sich auf den Bauch und kam in dem knöchelhohen Weiß zum Liegen. Als sie sich aufrappelte, rutschte ein wenig Schnee zwischen ihre Fäustlinge und die Ärmel des Schneeanzugs. Es war eisig, doch sie lachte laut und grinste ihre Mama an, die neben dem Schneehaufen auf dem Parkplatz des Supermarkts stand, die Hände in den Manteltaschen, die Wangen gerötet, die Stirn in Falten gelegt.

„Kommst du jetzt bitte, Maya? Wir schaffen es sonst nicht, bis Papa von der Arbeit nach Hause kommt. Wir müssen uns beeilen.“

„Noch einmal!“ Maya war schon wieder halb den Schneeberg hinaufgeklettert.

„Aber das ist das letzte Mal!“

„Versprochen.“ Maya grinste, kletterte und blickte schließlich von oben über den Parkplatz.

Jemand hatte den ganzen Schnee, der in den letzten Tagen auf den Parkplatz gefallen war, zu einem Berg aufgetürmt. Dieser war so hoch, dass das blaues Schild, auf dem ein großes P gemalt war, neben Maya aus dem Schnee ragte. Darunter befand sich ein stilisierter Rollstuhlfahrer.

„Los jetzt!“, drängte ihre Mama, und Maya entging nicht der Unterton, bei dem sie vorsichtig werden musste. Wenn ihre Mama so sprach und Maya nicht auf sie hörte, drohte sie als Nächstes mit Fernsehverbot.

„Jaahaha!“, rief Maya und setzte sich wieder an die Kante. Ihr Blick schweifte noch mal über den Parkplatz; über die vielen mit Schnee bedeckten Autodächer, den weißen Kastenwagen, der sich gerade neben ihren Kombi in die freie Parklücke zwängte, und dahinter die bunten Lichter der Weihnachtsbäume, die den Eingangsbereich des Supermarkts säumten. Es sah so herrlich aus: all diese Lichter und glitzernden Kugeln, die goldenen Engel, die aufgetürmten Schokonikoläuse hinter den Fensterscheiben, die Nougatglocken und prallen Plätzchentüten.

Bei den Gedanken an Vanillekipferl und saftige Lebkuchen war Maya schon heruntergesaust. Sie stampfte den Schnee von den Winterstiefeln, richtete ihre verrutschte pinkfarbene Häkelmütze, und schon ging es Hand in Hand mit ihrer Mutter zu den Häuschen, in denen die Einkaufswagen auf ihre Münzen warteten.

„Scheiße!“, brummte ihre Mutter und kramte in ihrem Geldbeutel herum.

„Das sagt man nicht“, trällerte Maya.

„Stimmt. Entschuldige. Aber ich hab tatsächlich kein Kleingeld mehr. Warte hier. Ich hole einen Chip aus dem Auto.“ Schon eilte sie über den Parkplatz zurück.

Maya stieß derweil mit den Fußspitzen gegen die Seitenwände des Häuschens. Schneereste platzten aus ihren Schuhsohlen und fielen auf das feuchte Pflaster.

Als sie Schritte hörte, blickte sie auf. Ein Mann stand neben ihr, um einen Einkaufswagen mit einer Münze zu füttern.

Maya stieß erschrocken die Luft aus.

Es war der Weihnachtsmann. Zugegeben, er trug keinen roten Mantel mit weißem Saum, sondern nur einen groben, roten Strickpullover und Jeans, und auch seine Mütze war nur ein rotes Käppi, aber sein weißer Rauschebart, die gerötete Knollennase, der runde Bauch und die Drahtgestellbrille waren wie beim Weihnachtsmann aus dem Fernsehen. Er war’s! Ganz sicher! Im Gammeloutfit, wie Papa immer sonntags über Mamas Aufzug witzelte.

Zu Mayas Überraschung zwinkerte der Weihnachtsmann ihr zu, fütterte den Einkaufswagen und stapfte damit Richtung Supermarkt davon. Die Rollen klickerten laut.

Maya konnte den Mund gar nicht mehr schließen. Ihr Atem stieg vor ihrem Gesicht empor. Der Weihnachtsmann hatte ihr zugezwinkert! Ihr persönlich!
Würden dieses Jahr all ihre Wünsche in Erfüllung gehen? Kaufte er vielleicht gerade ihre Geschenke?

Sie wollte ihre Mama fragen, doch als sie zurückkehrte, presste sie sich gerade das Handy ans Ohr und sagte in grantigem Tonfall: „Ja, Mutter, sag ich doch …!“ Da schwieg Maya lieber. Stattdessen hielt sie Ausschau nach dem Weihnachtsmann, der gerade im Supermarkt verschwand. Maya wollte unbedingt wissen, was er einkaufte. Vielleicht war es ja für sie bestimmt …

---

„Nein, Mutter, ich werde dieses Jahr … was? Nein! Ich hab dir doch schon hundertmal gesagt, dass wir … Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“

Maya stolperte hinter ihrer Mama her, die energisch durch den Supermarkt stapfte. Immer wieder blieb sie stehen, um etwas in den Wagen zu legen, und Maya nutzte jede dieser Gelegenheiten, um sich nach dem Weihnachtsmann umzusehen. Sie spähte in jeden Gang, um jedes Regal, hinter jeden Aufsteller, nur um sofort von ihrer Mutter weitergezerrt zu werden.

„MAYA! Weiter!“ Und dann wieder ins Telefon: „Nein, Mutter! Alles in Ordnung. Wir kaufen ein - und nein! Das mach ich schon selbst!“

Die Beine von Mayas dicker Schneehose rieben aneinander, fitsch fitsch fitsch, während sie hinter ihr her stolperte. Plötzlich erspähte sie in einem Nebengang etwas Rotes. Der Strickpullover! Maya schob sich um Sauerkrautdosen herum, um besser sehen zu können, während ihre Mutter lautstark ins Handy schimpfte und vor einem Regal mit Kartoffelchips stehen blieb. Der Weihnachtsmann zog gerade etwas Schwarzes aus einem Regal. Mayas Gesicht verzog sich vor Enttäuschung. Es waren Plastikmüllbeutel. Mama kaufte die auch, die großen schwarzen, um den Hausabfall reinzustopfen. Einmal hatte sich Maya einen Zauberhut daraus basteln wollen und Mama hatte sie ausgeschimpft. Nein, die Beutel wollte sie nicht als Weihnachtsgeschenk. Aber vielleicht wollte ihre Mama die haben? Vielleicht kaufte der Weihnachtsmann auch ihr und Papa etwas. Es lagen ja nicht nur Geschenke für sie unterm Baum.

Der Weihnachtsmann wandte den Kopf und blickte sie an. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Maya stand schon sehr nahe bei ihm.

„Na, kleine Eisprinzessin“, sagte er freundlich, „du bist ja eine ganz schicke Maus mit deiner pinken Mütze.“

Maya errötete. „Und du bist der Weihnachtsmann, nicht?“

Etwas huschte über sein Gesicht, dann lächelte er wieder. „Ja, der bin ich. Aber im Feierabend.“

„Und deswegen hast du keinen Mantel an?“

„Genau. Der liegt in meinem Schlitten.“

„Bei den Rentieren?“

„Du bist aber gut informiert.“ Er zwinkerte.

Maya kniff die Augen zusammen. „Aber du bist vorhin mit einem Auto gekommen!“

„Klar, und weißt du auch, warum?“>

Sie schüttelte den Kopf.

„Ganz einfach“, erklärte er, „mit dem Schlitten kann ich auf geräumten Parkplätzen nicht fahren. Mein Schlitten hat Kufen, und die funktionieren nur auf Schnee. Deswegen nehme ich in der Stadt das Auto.“

„Und wo ist dein Schlitten?“

„Na, im Wald. Dort, wo er und die Rentiere hingehören.“

Maya nickte verstehend und deutete auf die Plastiktüten in seiner Hand. „Ist das ein Geschenk?“

Er musterte die Tüten. Unter seinen Fingernägeln war Dreck, rotbrauner Dreck. Wahrscheinlich vom Füttern der Rentiere. „Vielleicht.“

„Meine Mama kann die ganz gut gebrauchen.“

„Wirklich?“

Die dröhnende Stimme ihrer Mutter ließ ihn aufblicken.

„Maya! Wo steckst du! Maya! Ach, da bist du! Komm jetzt!“

Maya sah sich um. Ihre Mutter kam den Gang entlang - jetzt ohne Handy -, trat neben sie und würdigte den Weihnachtsmann nur eines flüchtigen Blickes. Dann zerrte sie Maya weiter. Der Weihnachtsmann musterte Maya über seine dicke, rote Nase hinweg aus dunklen Augen. Verschwörerisch. Verrat nichts deiner Mutter!, sagten die Blicke. Er hob die Plastikbeutel. Das wird ihr Geschenk.

Und Maya nickte ihm zu, bevor er hinter aufgetürmten Klopapierpackungen verschwunden war.

---

„Ach, Scheiße!“, fluchte Mayas Mutter wenige Minuten später vom Kofferraum aus, während sie die Einkäufe verräumte.

Maya saß bereits angeschnallt in ihrem Kindersitz auf der Rückbank und trällerte besserwisserisch: „Das sagt man nicht!“

„Jaaa, ich weiß.“ Nicole stöhnte. „Aber ich hab die Soja-Milch vergessen. Dein Papa flippt aus, wenn ich keine mitbringe. Dann kann er seinen Kaffee nicht trinken.“ Die Heckklappe donnerte ins Schloss. Das Gesicht ihrer Mutter schob sich in die Tür. „Weißt du was, ich geh noch mal schnell rein. Du bleibst hier, ja?“ Ihre Mutter beugte sich über sie, griff nach einem der Spielzeuge, die auf der Rücksitzbank lagen, und drückte es Maya in die Hand. „Bin in zwei Minuten wieder da, okay?“

„Okay!“

Sie schloss die Tür, und Maya sah ihr hinterher. Da entdeckte sie den Weihnachtsmann im Feierabend. Er kam über den Parkplatz zu seinem Kastenwagen geschlendert, die schwarzen Müllbeutel in einer Hand, eine grüne Flasche mit oranger Kappe in der anderen.

Maya winkte ihm zu.

Er winkte zurück.

Er öffnete die Tür seines Wagens, legte seine Geschenke hinein, hantierte herum.

Dann trat er zu Maya ans Auto, spähte hinein, öffnete die hintere Tür. Er trug schwarze Handschuhe.

„Na, Eisprinzessin. Bist du denn ganz alleine hier?“

„Mama hat was vergessen“, erklärte Maya. „Die vergisst immer was. Vielleicht solltest du ihr dagegen was schenken.“

Er kicherte. „Vielleicht hätte ich da sogar was. Einen Nie-Mehr-Vergesser.“

„Uii … den könnte Papa auch gebrauchen.“

„Ja? Ich kann ihn dir zeigen. Ich hab ihn im Schlitten. Und bei der Gelegenheit kannst du auch die Rentiere streicheln. Willst du?“

„Au ja!“

„Gut“, sagte er. Der Verschluss des Sicherheitsgurts knackte, als er ihn öffnete, und der Gurt sauste zurück in die Verkleidung.

---

Direkt vor dem Ausgang föhnte Nicole heiße Luft aus der Heizanlage ins Gesicht, gefolgt von eisiger Luft, als die Automatiktüren zur Seite glitten und sie den Supermarkt verließ.

Sie klemmte sich den Tetrapak Sojamilch unter den Arm, schob den Geldbeutel in die Gesäßtasche und eilte über den Parkplatz. Ihr Handy klingelte schon wieder. Vermutlich abermals ihre Mutter. Wer sonst.

Sie sah, wie der weiße Kastenwagen ohne Fenster neben ihrem Fahrzeug ausscherte. Der Weihnachtsmannverschnitt saß hinterm Steuer, blickte zur ihr hinaus. Lächelte er etwa durch seinen Rauschebart hindurch? Nicole schüttelte es. Widerlich war der Typ. Gestunken hatte er, so säuerlich nach Schweiß. Und dreckig waren seine Stiefel gewesen, ganz lehmverschmiert. Überhaupt hatte er wie ein alter Penner ausgesehen. Ein verdreckter Penner mit aufgeblähtem Bauch.

Nicole vertrieb den Gedanken und lief weiter, während der Kastenwagen davonfuhr.

Die Innenraumbeleuchtung ihres Kombis brannte.

Nicole beschlich ein unbehagliches Gefühl. Warum brannte das Licht? Sie beschleunigte ihre Schritte und fünf Meter weiter wusste sie es: Die hintere Wagentür stand offen.

„Maya?“

Nicole rannte die letzten Meter, sah sich um, drehte sich einmal im Kreis. Keine Maya. Nirgends.

Maya! Wo bist du? Du solltest doch im Auto bleiben.“

Hektisch umrundete sie den Wagen, späte um die Motorhaube herum, kniete sich hin, blickte unter das Auto. Keine Maya.

„Das ist nicht lustig!“, rief sie, ihre Stimme schrill, ganz schrill. „Wo bist du?“

Vielleicht … Ihr Blick suchte den Schneehaufen. Der lag jedoch verlassen im schwindenden Licht des Spätnachmittags. Die unteren Ränder waren von Dreck gesäumt, grau statt weiß.

Schräg daneben sah sie in der Ausfahrt ein mit Schlamm verdrecktes Nummernschild und die Bremslichter des Kastenwagens, der gerade nach rechts abbog.

Auf dem Beifahrersitz leuchtete eine pinkfarbene Mütze.

Der Tetrapak entglitt Nicoles Fingern. Er schlug auf dem Asphalt auf und platzte. Weiß und cremig ergoss sich die Sojamilch über ihre Stiefel.

Der Kastenwagen bog abermals ab, diesmal nach links auf die Straße, die auf direktem Weg aus der Stadt führte, beschleunigte und verschwand hinter wunderschönen Hausfassaden. In den Fenstern leuchteten bunte Lichterketten, Weihnachtspyramiden, Weihnachtssterne. In den Vorgärten funkelten Christbäume, Plastikrentiere, Weihnachtsmänner, und das alles unter einem Zuckerguss aus Schnee.








Happy Halloween


In den Straßen brennen Feuer; in Mülltonnen, in aufgestellten Grills, in selbst gebastelten Feuerstellen.

In unserem Vorgarten knistert es beschaulich in einer Schale aus solidem Eisen. In der Hofeinfahrt der Müllers züngeln die Flammen meterhoch, lecken fast am Dachgiebel ihres Architektenhauses, verwandeln den Hof in den Postkartentraum einer Lagerfeuerszenerie. Ich recke den Kopf, spähe über die frisch gestutzte Thujahecke, um zu sehen, was die Nachbarn dieses Jahr abfackeln.

Sie haben sich nicht lumpen lassen, aber das war auch nicht zu erwarten gewesen. Es ist ein nigelnagelneues Stoffsofa, mit zwei oder drei Flaschen Brennspiritus übergossen, mittig in der Hofeinfahrt platziert. Die Möbelspedition hat es gestern erst geliefert – der fiepende Laster mit dem roten Stuhl auf den Seiten hatte mich aus dem Schlaf gerissen, und das an meinem freien Tag.

Die Müllers sitzen mit ihren hippen Freunden auf Bierbänken in genügend Abstand um das Sofa herum, um sich nicht die geschnitzt wirkenden Bärte und die prallen Dekolletés von der Hitze verbrennen zu lassen. Ihre Gesichter sind orangerot schimmernde Inseln in der Dunkelheit. Bierflaschen klirren, Sektkorken knallen, es wird gelacht und gescherzt, und von der Terrasse weht der Geruch gegrillten Wildlachses auf Zedernholzbrettern herüber – belegt mit geklopftem Zitronengras.

Es ist der 31. Oktober.

Halloween.

Selbst im Pfarrbrief hat man die Titelseite dem Phänomen gewidmet. Es sei doch eine Schande, dass die traditionellen christlichen Bräuche an Bedeutung verlören, während so blöde, unverbindliche, Spaß machende und mit kommerziellem Interesse verbundene Amibräuche sich durchsetzten.

Ganz unrecht hat der Pfarrer nicht, aber für uns geht es eher um eine Gelegenheit, eine Party zu schmeißen, gut auszusehen und die Kinder für ein paar Stunden loszuwerden.

Unser Mäxchen ist mit den Kindern der Müllers, der Hansens, der Meiers und der Hensslers unterwegs; allesamt verkleidet als Zombies, Vampire, Hexen, Monster, Piraten, Attentäter, Landstreicher oder Grufties.

Meinen Vorschlag, als Banker, Versicherungsvertreter oder Zahnarzt zu gehen – altehrwürdige Berufe –, hat unser Sohn kategorisch abgelehnt. Ich glaube, er hat nicht ganz verstanden, dass er sich damit hervorragend in all die Scharlatane, Mörder und Betrüger eingereiht hätte. Aber man muss den Kindern ja ihren Freiraum lassen. Individualitätsentfaltung ist wichtig, das bekommt man schon in der Krabbelgruppe eingebläut. Persönlichkeitsentwicklung. Als ob. Die Wahrheit sieht doch so aus: Wir sind, wer wir sind. Alles andere ist eine Erfindung von Psychoanalytikern, Priestern und Schriftstellern.

Trotzdem finde ich es natürlich toll, dass die Kids schon ihre eigene Persönlichkeit entfalten dürfen. Kann man nur unterstützen. Unser Stöpsel hat deswegen passend zum Kostüm ein echtes Springmesser mit poliertem Kirschholzgriff bekommen – Klingenlänge zehn Zentimeter, natürlich Stainless Steel. Wenn er die Klinge per Knopfdruck herausspringen lässt, sieht er damit aus wie ein echter Mafioso. Den bösen Blick hat er auch schon drauf.

Ich bin gespannt, ob er den Jungen der Müllers endlich erwischt. Ich habe ihm gezeigt, wo das Fleisch am weichsten ist und er die Klinge hineinrammen muss, um Müller junior einen Nierenstich zu verpassen.

Ich seufze wohlig, trinke meinen selbst gemachten Gewürzwein aus, erhebe mich aus dem Liegestuhl und trotte zum Kugelgrill, aus dessen Ritzen Rauch quillt; es duftet – wenn man den elenden Fischgestank aus dem müllerschen Anwesen ignoriert – zart nach Jack Daniel’s. Der Geruch stammt von den Holzchips, die aus alten Whiskey-Fässern hergestellt, dann eine Stunde vor dem Grillen in Wasser eingeweicht und kurz vorm Garpunkt direkt auf die Glut gegeben werden.

Perfekte Wertschöpfungskette sagen Betriebswirtschaftler dazu. Man verscherbelt die alten Fässer in gehäckselter Form an Grillanbeter und Holzkohlejunkies. Man verkauft uns Müll in edlen Verpackungen und druckt darauf: BBQ World Champion Wie-auch-immer-der-geile-Kerl-heißt schwört auf den Flavor! Sie werden es selbst erleben! Ihre Sinne werden in höhere Sphären katapultiert! Wir verleihen Ihrem Grillgut das einzigartige amerikanische Aroma!

Ich öffne die Abdeckung, und eine Rauchwolke quillt mir entgegen, hüllt mich ein wie Weihrauch den Priester. Ich inhaliere tief.

Jack Daniel’s.

Der Flavor.

Amerikanisch.

Geil.

Nachdem sich der Rauch verzogen hat, überprüfe ich die Sparerips. Sie sind dunkelbraun und kross und noch viel geiler. Nur ein wenig größer könnten sie sein, aber das ist schon in Ordnung. Es gibt ja Kartoffelsalat zu.

Auf jeden Fall haben die Müllers so etwas noch nicht gegessen. Ich werde bei jedem Bissen über die Thujahecke lächeln.

Ich brauche kein riesiges Feuer und auch kein Architektenhaus.

Ich habe meine Rache.

Ich rufe laut nach meiner Frau und verkünde fröhlich, dass die Rippchen fertig sind. Aus dem Augenwinkel bemerke ich die erhoffte Bewegung am Gartenzaun. Müller hat entweder die Rauchwolke des Grills entdeckt, meine Worte oder den köstlichen Duft vernommen, und späht jetzt zu uns in den Garten. Er fragt, was denn da so gut rieche.

Ich sage ihm, das sei das amerikanische Halloween-Hate-Vengeance-Special-Menü, und frage, ob er probieren möchte. Dabei schnappe ich mit der Grillzange ein Rippchen vom Rost und wedle damit einladend.

Klar, sagt er. Er sei für kulinarische Experimente immer offen. Er hätte erst vor Kurzem einen BBQ-World-Champion-Grillkurs bei Wie-auch-immer-der-geile-Kerl-heißt absolviert. Das Zertifikat hänge über dem Gästeklo neben dem Zertifikat für Tantra-Massagen mit Jojobaöl der Pornodarstellerin Wie-auch-immer-die-geile-Rosettenschnitte-heißt.

Ich nicke ehrfürchtig, hole einen Teller und schneide ihm einen Happen von den Rippchen ab.

Als er das Fleisch vom Knochen knabbert, lächle ich. Das warme Gefühl des Triumphes breitet sich in meiner Brust aus.

Was er wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass er gerade seinen eigenen Vizsla verspeist, diesen vermaledeiten, kurzhaarigen, ungarischen Modejagdhund mit semmelgelbem Fell? Bestenfalls würde Herrn Müller das Rippchen im Hals stecken bleiben. Quer.

Ich erwäge, es ihm zu sagen, doch in dem Moment ertönt in der Ferne Sirenengeheul. Es nähert sich unserem Wohngebiet. Ein noch breiteres Lächeln erblüht auf meinem Gesicht.

Ich frage Müller, ob ihm das Fleisch munde.

Wie es sich gehört, nickt er kennerhaft. Es sei prall gewürzt, stellt er kauend fest, die Lippen und Finger fett- und gewürzverschmiert. Ob das Bockshornklee sei, will er wissen, während er seinen eigenen Hund verspeist. Himalayasalz? Oder woher käme dieses intensive Aroma?

Ich zwinkere mit aller Herzlichkeit.

Das bleibe mein Geheimnis, sage ich und kehre an den Grill zurück. Ich müsse mich nun um das Essen kümmern, denn die Kinder würden ja jeden Moment von ihrer Süßes-oder-Saures-Tour zurückkehren. Die hätten sicher einen Mordshunger.

Die Sirene wird lauter. Zuckendes Blaulicht schimmert auf den weißen Hausfassaden der Architektenhäuser der Müllers, der Hansens, der Meiers und der Hensslers.

Sie alle werden unruhig, flüstern, stehen auf, gehen auf den Gehsteig.

Ich nehme gelassen neben meiner Frau auf der Veranda Platz und reiche ihr einen Teller mit Vizsla-Sparerips. Sie schaufelt sich eine große Portion Kartoffelsalat mit gehobelten Gurkenscheiben dazu und macht sie sich heißhungrig darüber her.

Sie weiß, was sie da isst.

Und sie weiß, was die Sirenen bedeuten.

Unser Mäxchen hat den Bastard von Müller erwischt.

Während ich mich entspannt im Gartenstuhl zurücklehne, den Blick über den vom flackernden Feuer und Blaulicht erleuchteten Garten schweifen lasse, überlege ich, was ich nächstes Jahr an Halloween planen könnte.

Ich denke an den weiß und rot schimmernden Schwarm japanischer Kois im fußballfeldgroßen Gartenteich der Hansens.

Ob Mäxchen bis dahin wohl schon mit einer Handgranate umgehen kann?



© Timo Leibig, 18.10.2016

IMMER AUF DEM NEUESTEN.