SHORT STORIES


Happy Halloween


In den Straßen brennen Feuer; in Mülltonnen, in aufgestellten Grills, in selbst gebastelten Feuerstellen.

In unserem Vorgarten knistert es beschaulich in einer Schale aus solidem Eisen. In der Hofeinfahrt der Müllers züngeln die Flammen meterhoch, lecken fast am Dachgiebel ihres Architektenhauses, verwandeln den Hof in den Postkartentraum einer Lagerfeuerszenerie. Ich recke den Kopf, spähe über die frisch gestutzte Thujahecke, um zu sehen, was die Nachbarn dieses Jahr abfackeln.

Sie haben sich nicht lumpen lassen, aber das war auch nicht zu erwarten gewesen. Es ist ein nigelnagelneues Stoffsofa, mit zwei oder drei Flaschen Brennspiritus übergossen, mittig in der Hofeinfahrt platziert. Die Möbelspedition hat es gestern erst geliefert – der fiepende Laster mit dem roten Stuhl auf den Seiten hatte mich aus dem Schlaf gerissen, und das an meinem freien Tag.

Die Müllers sitzen mit ihren hippen Freunden auf Bierbänken in genügend Abstand um das Sofa herum, um sich nicht die geschnitzt wirkenden Bärte und die prallen Dekolletés von der Hitze verbrennen zu lassen. Ihre Gesichter sind orangerot schimmernde Inseln in der Dunkelheit. Bierflaschen klirren, Sektkorken knallen, es wird gelacht und gescherzt, und von der Terrasse weht der Geruch gegrillten Wildlachses auf Zedernholzbrettern herüber – belegt mit geklopftem Zitronengras.

Es ist der 31. Oktober.

Halloween.

Selbst im Pfarrbrief hat man die Titelseite dem Phänomen gewidmet. Es sei doch eine Schande, dass die traditionellen christlichen Bräuche an Bedeutung verlören, während so blöde, unverbindliche, Spaß machende und mit kommerziellem Interesse verbundene Amibräuche sich durchsetzten.

Ganz unrecht hat der Pfarrer nicht, aber für uns geht es eher um eine Gelegenheit, eine Party zu schmeißen, gut auszusehen und die Kinder für ein paar Stunden loszuwerden.

Unser Mäxchen ist mit den Kindern der Müllers, der Hansens, der Meiers und der Hensslers unterwegs; allesamt verkleidet als Zombies, Vampire, Hexen, Monster, Piraten, Attentäter, Landstreicher oder Grufties.

Meinen Vorschlag, als Banker, Versicherungsvertreter oder Zahnarzt zu gehen – altehrwürdige Berufe –, hat unser Sohn kategorisch abgelehnt. Ich glaube, er hat nicht ganz verstanden, dass er sich damit hervorragend in all die Scharlatane, Mörder und Betrüger eingereiht hätte. Aber man muss den Kindern ja ihren Freiraum lassen. Individualitätsentfaltung ist wichtig, das bekommt man schon in der Krabbelgruppe eingebläut. Persönlichkeitsentwicklung. Als ob. Die Wahrheit sieht doch so aus: Wir sind, wer wir sind. Alles andere ist eine Erfindung von Psychoanalytikern, Priestern und Schriftstellern.

Trotzdem finde ich es natürlich toll, dass die Kids schon ihre eigene Persönlichkeit entfalten dürfen. Kann man nur unterstützen. Unser Stöpsel hat deswegen passend zum Kostüm ein echtes Springmesser mit poliertem Kirschholzgriff bekommen – Klingenlänge zehn Zentimeter, natürlich Stainless Steel. Wenn er die Klinge per Knopfdruck herausspringen lässt, sieht er damit aus wie ein echter Mafioso. Den bösen Blick hat er auch schon drauf.

Ich bin gespannt, ob er den Jungen der Müllers endlich erwischt. Ich habe ihm gezeigt, wo das Fleisch am weichsten ist und er die Klinge hineinrammen muss, um Müller junior einen Nierenstich zu verpassen.

Ich seufze wohlig, trinke meinen selbst gemachten Gewürzwein aus, erhebe mich aus dem Liegestuhl und trotte zum Kugelgrill, aus dessen Ritzen Rauch quillt; es duftet – wenn man den elenden Fischgestank aus dem müllerschen Anwesen ignoriert – zart nach Jack Daniel’s. Der Geruch stammt von den Holzchips, die aus alten Whiskey-Fässern hergestellt, dann eine Stunde vor dem Grillen in Wasser eingeweicht und kurz vorm Garpunkt direkt auf die Glut gegeben werden.

Perfekte Wertschöpfungskette sagen Betriebswirtschaftler dazu. Man verscherbelt die alten Fässer in gehäckselter Form an Grillanbeter und Holzkohlejunkies. Man verkauft uns Müll in edlen Verpackungen und druckt darauf: BBQ World Champion Wie-auch-immer-der-geile-Kerl-heißt schwört auf den Flavor! Sie werden es selbst erleben! Ihre Sinne werden in höhere Sphären katapultiert! Wir verleihen Ihrem Grillgut das einzigartige amerikanische Aroma!

Ich öffne die Abdeckung, und eine Rauchwolke quillt mir entgegen, hüllt mich ein wie Weihrauch den Priester. Ich inhaliere tief.

Jack Daniel’s.

Der Flavor.

Amerikanisch.

Geil.

Nachdem sich der Rauch verzogen hat, überprüfe ich die Sparerips. Sie sind dunkelbraun und kross und noch viel geiler. Nur ein wenig größer könnten sie sein, aber das ist schon in Ordnung. Es gibt ja Kartoffelsalat zu.

Auf jeden Fall haben die Müllers so etwas noch nicht gegessen. Ich werde bei jedem Bissen über die Thujahecke lächeln.

Ich brauche kein riesiges Feuer und auch kein Architektenhaus.

Ich habe meine Rache.

Ich rufe laut nach meiner Frau und verkünde fröhlich, dass die Rippchen fertig sind. Aus dem Augenwinkel bemerke ich die erhoffte Bewegung am Gartenzaun. Müller hat entweder die Rauchwolke des Grills entdeckt, meine Worte oder den köstlichen Duft vernommen, und späht jetzt zu uns in den Garten. Er fragt, was denn da so gut rieche.

Ich sage ihm, das sei das amerikanische Halloween-Hate-Vengeance-Special-Menü, und frage, ob er probieren möchte. Dabei schnappe ich mit der Grillzange ein Rippchen vom Rost und wedle damit einladend.

Klar, sagt er. Er sei für kulinarische Experimente immer offen. Er hätte erst vor Kurzem einen BBQ-World-Champion-Grillkurs bei Wie-auch-immer-der-geile-Kerl-heißt absolviert. Das Zertifikat hänge über dem Gästeklo neben dem Zertifikat für Tantra-Massagen mit Jojobaöl der Pornodarstellerin Wie-auch-immer-die-geile-Rosettenschnitte-heißt.

Ich nicke ehrfürchtig, hole einen Teller und schneide ihm einen Happen von den Rippchen ab.

Als er das Fleisch vom Knochen knabbert, lächle ich. Das warme Gefühl des Triumphes breitet sich in meiner Brust aus.

Was er wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass er gerade seinen eigenen Vizsla verspeist, diesen vermaledeiten, kurzhaarigen, ungarischen Modejagdhund mit semmelgelbem Fell? Bestenfalls würde Herrn Müller das Rippchen im Hals stecken bleiben. Quer.

Ich erwäge, es ihm zu sagen, doch in dem Moment ertönt in der Ferne Sirenengeheul. Es nähert sich unserem Wohngebiet. Ein noch breiteres Lächeln erblüht auf meinem Gesicht.

Ich frage Müller, ob ihm das Fleisch munde.

Wie es sich gehört, nickt er kennerhaft. Es sei prall gewürzt, stellt er kauend fest, die Lippen und Finger fett- und gewürzverschmiert. Ob das Bockshornklee sei, will er wissen, während er seinen eigenen Hund verspeist. Himalayasalz? Oder woher käme dieses intensive Aroma?

Ich zwinkere mit aller Herzlichkeit.

Das bleibe mein Geheimnis, sage ich und kehre an den Grill zurück. Ich müsse mich nun um das Essen kümmern, denn die Kinder würden ja jeden Moment von ihrer Süßes-oder-Saures-Tour zurückkehren. Die hätten sicher einen Mordshunger.

Die Sirene wird lauter. Zuckendes Blaulicht schimmert auf den weißen Hausfassaden der Architektenhäuser der Müllers, der Hansens, der Meiers und der Hensslers.

Sie alle werden unruhig, flüstern, stehen auf, gehen auf den Gehsteig.

Ich nehme gelassen neben meiner Frau auf der Veranda Platz und reiche ihr einen Teller mit Vizsla-Sparerips. Sie schaufelt sich eine große Portion Kartoffelsalat mit gehobelten Gurkenscheiben dazu und macht sie sich heißhungrig darüber her.

Sie weiß, was sie da isst.

Und sie weiß, was die Sirenen bedeuten.

Unser Mäxchen hat den Bastard von Müller erwischt.

Während ich mich entspannt im Gartenstuhl zurücklehne, den Blick über den vom flackernden Feuer und Blaulicht erleuchteten Garten schweifen lasse, überlege ich, was ich nächstes Jahr an Halloween planen könnte.

Ich denke an den weiß und rot schimmernden Schwarm japanischer Kois im fußballfeldgroßen Gartenteich der Hansens.

Ob Mäxchen bis dahin wohl schon mit einer Handgranate umgehen kann?



© Timo Leibig, 18.10.2016

IMMER AUF DEM NEUESTEN.